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8  Sichtverzerrungen und demografische Realitäten

 

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Schreiben und Sprechen

Zwischen Schreiben und Sprechen gibt es wesentliche Unterschiede. Diese Tatsache ist weithin bekannt und entzieht sich dennoch einer simplen Erklärung. Diskussionen zu diversen Krankheitsbildern wie Aphasie und Agraphie möchten wir kompetenteren Personen überlassen. Unsere Lektüre zu diesem Thema weist aber darauf hin, dass die Sachlage nicht ganz so einfach ist, wie man vielleicht annehmen möchte. Beispiele aus der klinischen Praxis scheinen darauf hinzudeuten, dass die Fähigkeiten zum Lesen, Sprechen, Schreiben und Zuhören in manchen Fällen erstaunlich unabhängig voneinander existieren können. Ob es sich um ein »modulares« Gesamtsystem handelt, können wir hier nicht diskutieren.

Dies ist auch nicht erforderlich, um wenigstens eine unkomplizierte Wahrheit zu verstehen: Unsere Sozialisation im gesprochenen Wort verläuft auf anderen Bahnen als unsere schriftliche Einbindung in die Sprachgemeinschaft. Erstens kultivieren wir unser schriftsprachliches Wissen nicht im physischen Austausch über Zuhören und Sprechen, sondern in den viel weitläufigeren Interaktionen des Lesens und Schreibens. Zweitens kann sich unsere schriftliche Kommunikation an völlig andere Personenkreise richten als unsere mündliche. Klarerweise existieren zahlreiche Verknüpfungspunkte zwischen Schreiben und Sprechen, ganz zu schweigen von Zwischenformen der schriftlichen Kommunikation mit konzeptioneller Mündlichkeit (private oder »halbamtliche« Korrespondenz per Brief oder E-Mail).

Diese formlose Schriftlichkeit hat allerdings wenig zu tun mit den Anforderungen, die an das Übersetzen von Publikationstexten zu stellen sind. Vielmehr müssen diese von professioneller Hand so umsetzt werden, dass ihre schriftsprachlichen Merkmale ein gebildetes Standardniveau nicht unterschreiten. Das hierzu nötige Wissen entsteht nicht aus sich selbst, also gleichsam als »verlängerter Arm« der mündlichen Alltagssprache. Vielmehr entstehen diese Wissensinhalte aus einem hohen Maß an aktiver Auseinandersetzung mit geschriebenen Texten. Diese Lernprozesse dauern viele Jahre und bieten Verbesserungsmöglichkeiten für das ganze Leben.

Viele Übersetzer zeigen schon deshalb Schwächen, weil sie einen aktiven Hintergrund dieser Art nicht besitzen. Umgekehrt scheitern auch simple Kriterien, die gern zur Einschätzung von Übersetzern herangezogen werden, bereits an dieser Frage. Somit können sich potenzielle Kunden nur schwer vorab ein Bild davon machen, wie fundiert ein Anbieter in der Kunst des Schreibens geübt ist. Selbst noch die Tatsache einer abgeschlossenen Übersetzerausbildung sagt hierüber nur sehr bedingt etwas aus.
 

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Auffälligkeit von schlechten Übersetzungen

Schlechte Übersetzungen fallen auf, während gute Arbeiten selten als Übersetzung wahrgenommen werden. Folglich liegt eine gewisse Verzerrung der allgemeinen Wahrnehmung in der Natur der Sache. Die Sprachrichtung verstärkt den verzerrenden Effekt. Wenn wir nämlich den hypothetischen Fall eines schlechten Übersetzers betrachten, wirken dessen Übersetzungen in die Fremdsprache noch schlechter als seine Übersetzungen in die eigene Muttersprache. Die Kritik sollte aber den Übersetzer treffen und nicht auf die Frage der Sprachrichtung reduziert werden.

Die Überschrift zu diesem Abschnitt wurde zur besseren Illustration ein wenig vereinfachend formuliert. Denn unserer Auffassung nach ergibt sich der verzerrende Effekt auf die Wahrnehmung durch eine relativ geringe Zahl von Anbietern. Wenn man die Abstufungen an Qualität im Geschäftsleben als Normalverteilung betrachten will, würde der Anteil an schlechten Übersetzern, deren Defizite die allgemeine Wahrnehmung beeinflussen, wohl ähnlich niedrig liegen wie der Anteil an guten Übersetzern, die leider als selbstverständlich betrachtet werden und daher unauffällig sind. Den Hauptteil der Kurve jedoch bildet ein Substandard an Leistungen, die in vielerlei Hinsicht kritikwürdig und schädlich, aber nicht einprägsam sind.

Auf der Strecke bleibt der demografische Erfahrungswert, dass unter allen Übersetzern auf dem Markt nur ein relativ bescheidener Anteil wirklich gute Ergebnisse liefert. Besonders krass zeigen sich die möglichen Sichtverzerrungen aus dieser demografischen Logik am Beispiel von Übersetzern, die im engeren Sinn als zweisprachig gelten können. Diesen Effekt wollen wir nachfolgend kurz beschreiben, weil das Beispiel auch besonders anschaulich ist.
 

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Zweisprachigkeit im engeren Sinn

Unter Zweisprachigkeit (Bilingualität) im engeren Sinn versteht man, dass eine Person gewissermaßen mit zwei Muttersprachen aufwächst. Maßgeblich für diese Definition wäre, dass beide Sprachen in der Kindheit ohne formalen Unterricht erworben werden. Keine der beiden Sprachen dürfte also auf der anderen aufbauen.

Nun herrscht eine verbreitete Auffassung, wonach Menschen, die im engeren Sinn zweisprachig aufwachsen, in gewisser Weise bereits  mit dem Übersetzerdiplom in der Hand aus der Wiege steigen. Zumindest sollte man meinen, dass sie für den Beruf des Übersetzers besonders prädestiniert sein sollten. Demgegenüber hört man in Übersetzerkreisen nicht selten das Argument, bilinguale Menschen seien für diesen Beruf besonders ungeeignet, weil sie angeblich keine der beiden Sprachen »richtig« beherrschen.

Das Rätsel ist relativ einfach zu lösen, wenn man sich mehr an aktiven Fähigkeiten als an passiven Prägungen orientiert. Wenn schon unter Übersetzern mit lediglich einer Muttersprache nur ein relativ bescheidener Anteil wirklich gute Resultate liefert, besteht auch kein Grund, warum der Fall bei bilingualen Übersetzern viel anders liegen sollte. Weil aber echte Zweisprachigkeit sehr viel seltener ist, reduziert sich die Teilmenge zusätzlich, wenn wir wiederum nur den relativ bescheidenen Anteil an guten Übersetzern betrachten. So gesehen dürfen wir uns nicht wundern, wenn diese Subpopulation unter der Wahrnehmungsschwelle verschwindet.

Dies bedeutet aber nicht, dass es sie nicht gibt. Ja man könnte sagen, dass Andeutungen in diese Richtung einer Diskriminierung gleichkommen. Und es ist gut möglich, dass sich gerade unter dieser verschwindenden Minderheit einige der besten Übersetzer befinden, die der Markt zu bieten hat. Allerdings wäre die Zweisprachigkeit in diesen Fällen als entscheidende Zugabe für die erbrachten Leistungen zu verstehen, nicht aber als deren Grundlage.

Ähnlich pauschal wird zuweilen auch die Existenz von Anbietern bestritten, die nicht im engeren Sinn zweisprachig sind, aber die nötigen Kenntnisse zum Übersetzen in zwei Richtungen dennoch erworben haben. Möglicherweise sind sie aufgrund ihrer größeren Zahl sogar noch häufiger von solchen Pauschalurteilen betroffen als bilinguale Übersetzer.
 

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Passivität und Perfektion

Gegen Ende der letzten Seite haben wir bereits unsere Vermutung angesprochen, dass Anbieter, die mit guten Resultaten aus »passiv beherrschten« Sprachen arbeiten, viel aktives Wissen besitzen müssen, das in die andere Richtung ebenfalls sehr gut anwendbar wäre. Wir stellen also noch einmal klar, dass wir keine prinzipiellen Einwände gegen diese weithin akzeptierte Arbeitsweise haben.

Vielmehr kritisieren wir gewisse Annahmen aus dem gedanklichen Einzugsgebiet dieses akzeptablen Sachverhalts. Beispielsweise wird sogar noch an Übersetzerinstituten argumentiert, dass die passiven Kenntnisse einer bestimmten Ausgangssprache annähernd den passiven Kenntnissen der eigenen Muttersprache entsprechen sollten. Auf der anderen Seite wird jedoch für die Muttersprache regelmäßig Perfektion gefordert. Nun wirkt es befremdlich, dass man für die eigene Muttersprache einerseits den verpönten Gedanken der Vollkommenheit beschwört und andererseits eine Trennlinie zwischen ihrer passiven und aktiven Beherrschung ziehen will.

Die sprachwissenschaftliche Idee von einem »passiven Wortschatz« ist weithin bekannt. Gemeint ist damit, dass wir einen Teil unseres Wortschatzes in der Muttersprache zwar »verstehen«, aber nicht verwenden, weil er im eigenen Assoziationsgefüge nicht eingeordnet und daher nicht abrufbar ist. Leider wird auf die Beschaffenheit solcher passiven Wissensinhalte selten präziser eingegangen. Wir jedenfalls sind überzeugt, dass sich bei anspruchsvollen Tätigkeiten wie dem Übersetzen von Fachtexten rasch ein Punkt einstellt, an dem der reale Hintergrund dieser passiven Wissensinhalte endet und die Selbsttäuschung beginnt.

Gute Übersetzungen aus passiven Sprachen kommen so zustande, dass der Anbieter seine Verständnisdefizite mit anderen aktiven Wissensinhalten immer noch erfolgreich kompensieren kann. Oder er ist eloquent genug, um auch falsch Verstandenes unauffällig in Worte zu kleiden. In der Realität sehen wir oft eine Mischung aus beiden Elementen. Wir sollten aber nicht die Tatsache ignorieren, dass rein passive Sprachbeherrschung letztlich Ausdruck eines verengten Orientierungshorizonts ist, der sich in der Qualität von Übersetzungen in irgendeiner Form niederschlagen muss.

Ähnliches Unbehagen bereitet uns die Übertreibung am anderen Ende der Skala, nämlich des gern erhobenen Perfektionsanspruchs an die Muttersprache. Auch hochwertige Übersetzungen in die eigene Muttersprache sind niemals vollkommen frei von Defiziten. Wir glauben, dass man sich hier zu Absolutheitsfantasien versteigt, um offenkundige Probleme in der Definition von Muttersprache zu umgehen.

Dieses Thema werden wir gleich auf der nächsten Seite behandeln. Zunächst wollen wir aber diese Seite mit einem Fazit zu Passivität und Perfektion beenden: Erstklassige Übersetzungen kommen sehr gut auch ohne »Vollkommenheit« in der Zielsprache aus. Auf der anderen Seite jedoch erfordern sie bedeutend mehr als Passivität in der Ausgangssprache.

 

 

 

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 © 2009-07-14 Wilfried Preinfalk. Alle Rechte vorbehalten.

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