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7  Übersetzen in zwei Sprachrichtungen

 

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Zur allgemeinen Orientierung

Es gibt durchaus Übersetzer, die innerhalb eines Sprachenpaars so  profunde Kenntnisse besitzen, dass sie bestimmte Texte mit guten Ergebnissen in beide Richtungen übersetzen. Diese Arbeitsweise bietet wesentliche Vorteile. Erstens fördert kontinuierliches Arbeiten in beide Richtungen ungemein das kontrastive Sprachwissen und somit die wichtigste Kernkompetenz des Übersetzers.

Zweitens stellen viele Übersetzungsprojekte dermaßen hohe Anforderungen an das Textverständnis, dass es durchaus sinnvoll sein kann, wenn die Ausgangssprache die Muttersprache des Übersetzers ist. Drittens gibt es immer wieder auch Projekte, in deren Rahmen zwischen zwei Sprachrichtungen vermittelt werden muss. Hier kann das Einzelgedächtnis eines guten Übersetzers den Kommunikationszweck viel besser erfüllen (solange die anfallenden Textmengen für eine Person zu bewältigen sind).
 

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Grundsätzliche Überlegungen

Natürlich schließen sich diverse Fragen an. Beispielsweise könnte man diskutieren, wie groß der Anteil an Übersetzern ist, die wirklich mit Erfolg in beide Richtungen arbeiten. Man könnte auch fragen, ob die gebotene Qualität dabei tatsächlich in beiden Richtungen gleich hoch ist oder beide Richtungen gleich schnell bearbeitet werden und somit für den Übersetzer selbst gleich wirtschaftlich sind. Auch mögliche Nachteile durch kontinuierliches Wechseln zwischen den Sprachrichtungen fallen in den Bereich möglicher Einwände.

Zunächst jedoch stellt sich eine viel grundsätzlichere Gegenfrage: Weswegen sollte ein Übersetzer in seiner Muttersprache hochwertige Produkte aus einer Fremdsprache liefern können, wenn er in dieser Fremdsprache keine akzeptablen Produkte aus der Muttersprache liefern kann? Es ist richtig, dass man in der Linguistik zwischen aktiver und passiver Sprachbeherrschung unterscheidet. Dieser Unterschied kann aber nicht so weit gehen, dass reine Passivität ein umfassendes Verständnis von fremdsprachigen Texten ermöglichen würde. Eine solche Vorstellung wäre zumindest reichlich naiv. Vielmehr entsteht profundes Textverständnis doch aus vielfältigen Wechselwirkungen zwischen aktiven und passiven Wissensinhalten.

Hieraus folgt, dass jemand, der nur inakzeptabel in die Fremdsprache übersetzen kann, diese Sprache eben mangelhaft beherrscht. Der Umkehrschluss liegt auf der Hand: Wer die Fremdsprache nicht angemessen beherrscht, kann auch keine ausgezeichneten Übersetzungen in die eigene Muttersprache produzieren. Dieser Zusammenhang ist so eindeutig, dass man sich über den Nachdruck, mit dem er zuweilen geleugnet wird, nur wundern kann.

Sprache besteht aus einer Unzahl von kleinen Puzzleteilchen, die nicht nur nach ihrem groben Bedeutungsumfang verstanden sein wollen. Vielmehr erfordern sie auch ein Verständnis der relativen Gewichtungen im jeweiligen Sprachsystem. Ein Übersetzer, der diese Gewichtungen mangelhaft versteht, wird laufend zur Über- und Unterbewertung einzelner Aussagen neigen. Ferner bietet jede Sprache eigene Möglichkeiten zur logischen Verkürzungen von Aussagen. Wer kontrastive Zusammenhänge dieser Art nur schlecht versteht, kann auch die Intentionen der Autoren nicht angemessen transportieren.

Im Übersetzeralltag jagt ein kleines Beispiel dieser Art das nächste. Betroffen sind nicht nur einzelne Wörter, sondern Konstruktionen und Gedankeninhalte jeder Art. Idiomatische Texte, die zugleich inhaltlich korrekt sind und das relative Gewicht einzelner Aussagen gut transportieren, entstehen erst in der aktiven und kontrastiven Auseinandersetzung mit beiden Sprachen in beiden Richtungen. Reine Einbahnstraßen existieren dabei nicht.
 

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Die linke und die rechte Hand

Nun können sich die Fähigkeiten in zwei Sprachen nie gleichen wie ein Ei dem anderen. Sie können dies ebenso wenig, wie die Fähigkeiten der rechten Hand spiegelbildlich genau den Fähigkeiten der linken Hand entsprechen. Aber selbst Rechtshänder können ihre Fähigkeiten mit der linken Hand auf ein hohes Niveau trainieren. Auch trainieren wir mit der linken Hand spezielle Funktionen, die wiederum die rechte Hand trotz ihrer umfassenderen Fähigkeiten nie spiegelbildlich genau abdecken wird. Genauso verhält es sich beim Übersetzen in zwei Sprachrichtungen.

Niemand wird die Sinnhaftigkeit von Übersetzungen in die eigene Muttersprache bestreiten. Dennoch können Übersetzungen in die Fremdsprache bestimmte Fachgebiete und Textsorten unter gewissen Voraussetzungen optimal abdecken. Zweifellos am wichtigsten ist dabei die Tatsache, dass die sprachliche Umsetzung ohnehin nur eine Seite der Medaille darstellt. Die andere Seite ist das Textverständnis: Genauso wie Übersetzungen in die eigene Muttersprache tendenziell zu unauffälligeren Texten führen, führen Arbeiten aus der eigenen Muttersprache tendenziell zu besser verstandenen Übersetzungen.

Hinzu kommt, dass aktive Lerninhalte einen bewussteren Umgang mit dem geschriebenen Wort fördern. Wir sehen diesen Effekt an vielen Originaltexten, die wir im Alltag übersetzen. Diese sind meist von Muttersprachlern geschrieben, aber auch Nichtmuttersprachler befinden sich unter den Autoren. Bei allen sonstigen Mängeln zeigt sich im letzteren Fall häufig, dass der für Nichtmuttersprachler notwendige Mehraufwand an primärer Gedankenarbeit (unter bewusster Anwendung von aktiv erlerntem Wissen) unmittelbar positive Auswirkungen auf die Transparenz der Inhalte haben kann.

Man kann dieses Argument auch umdrehen und sagen, dass viele muttersprachliche Autoren nicht den Willen oder die Zeit für ein Mindestmaß an sprachlicher Transparenzarbeit aufbringen. In manchen Fällen fehlt vermutlich auch das Problembewusstsein. Diese Frage stellt sich bei Nichtmuttersprachlern nicht, weil diese eine gewisse Hürde an sprachlich-gedanklichem Mindestaufwand nicht freiwillig, sondern notgedrungen überwinden müssen.

Ähnliches gilt auch für Übersetzer, wobei kontinuierliches Arbeiten in beiden Sprachrichtungen nicht zuletzt das angesprochene Problembewusstsein schärft. Um auf unser Bild von der »linken und rechten Hand« zurückzukommen: Natürlich darf man über die relativen Qualitäten der beiden Hände zueinander nicht die Gesamtqualität beider Hände nach außen vergessen. Jemand, der mit zwei linken Händen in beide Sprachrichtungen arbeitet, wird kaum dem Idealbild eines professionellen Übersetzers entsprechen.

Vielmehr sollte das Endziel sehr wohl in einem gewissen Niveau an Beidhändigkeit bestehen. Nur sollte man sich von der Vorstellung lösen, dass diese Beidhändigkeit absoluten Charakter haben kann. Zwischen den beiden Extremen der absoluten Linkshändigkeit und absoluten Beidhändigkeit wiederum liegt ein breites Spektrum an Mischformen, Spezialkenntnissen und Qualitätsunterschieden.
 

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Unterscheidungen ohne Wertung

Selbstverständlich gibt es auch gute Übersetzer, die grundsätzlich nur in eine Sprachrichtung arbeiten. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass in die Produkte solcher Anbieter viele Wissensinhalte  einfließen, die sich vorzüglich auch für Übersetzungen in die andere Richtung eignen würden. Für die Selbstbeschränkung, die vielfach praktiziert wird, gibt es wiederum die unterschiedlichsten Gründe. Mangelndes Selbstbewusstsein kann hier ebenso eine Rolle spielen wie verkaufspolitische Überlegungen, Zeitoptimierung oder einfach (mehr oder minder zufällig) gewachsene Kundenstrukturen.

Wir fügen dies der Vollständigkeit halber an, weil wir definitiv nicht den Eindruck erwecken möchten, dass ein erfolgreich praktizierter Umgang mit zwei Sprachrichtungen eine Grundvoraussetzung darstellt, um als guter Übersetzer gelten zu dürfen. Letztlich können wir auch nur für die Sprachenkombinationen Deutsch und Englisch sprechen, wobei für Anbieter mit englischer Muttersprache wieder etwas andere Überlegungen gelten als für Anbieter mit deutscher Muttersprache. Auf dieses Thema werden wir noch zurückkommen.

 

 

 

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