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6  Hintergründigere Elemente der Kernkompetenz 2:

Umsetzen von Texten
 

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(Die reine Lehre)

Die meisten Sprachmittler bekennen sich heute klar zum Prinzip der sinngemäßen Übersetzung. Die »wörtliche« Übersetzung halten sie für ein hoffnungslos überholtes Konzept. Interessanterweise sind dennoch viele Übersetzungen zu stark vom Wortlaut des Originals beeinflusst. Denn der Teufel steckt bekanntlich im Detail, und das Thema ist in der Realität so vielgestaltig, dass sich verschiedenste Ebenen der Betrachtung öffnen. Selten meinen zwei Personen, die das Thema Sinngemäßheit kontra Wörtlichkeit diskutieren, genau dasselbe.

Schon die grundsätzlichste Ebene der Betrachtung ist nicht Allgemeingut, sondern erfordert zunächst einmal ein Umdenken. Vielfach wird nämlich angenommen, dass vorgegebene Strukturen des Ausgangstextes in die Zielsprache übernommen werden sollten, solange keine offensichtlichen Gründe dagegen sprechen.

In der Realität führen aber sämtliche Erfahrungswerte weg von dieser Logik. Dies lässt sich auch kurz und gut begründen: Sprachenpaare wie Englisch und Deutsch verfügen zwar über zahlreiche analoge Strukturen, die aber in der Praxis so unterschiedlich angewendet werden, dass identische Konstruktionen für identische Inhalte die Ausnahme und nicht die Regel bilden.

Betrachten wir zur Veranschaulichung zwei Extremfälle eines sehr schlechten und eines sehr guten Übersetzers. Ersterer übernimmt routinemäßig die Strukturen des Originals, solange keine (für ihn) offensichtlichen Gründe dagegen sprechen. Letzterer wird versuchen, jede einzelne Aussage quasi auf den nackten Gedanken zu reduzieren und diesem ein vollständig neues Kleid auf den Leib zu schneidern.

Erstens hat somit die Frage nach dem Abstraktionsvermögen eines Übersetzers Vorrang vor der Frage nach seiner Formulierungskunst. Die Fähigkeit zur Abstraktion wiederum hängt eng zusammen mit anderen Elementen der Kernkompetenz, die bereits genannt wurden, wobei das kontrastive Sprachwissen eine ganz zentrale Rolle spielt. Die persönlichen Formulierungskünste des Übersetzers sind in dieser Kette nur das letzte Glied. Sie sind keine losgelöste Kategorie, geschweige denn eine legitime Lösung für anderweitige Defizite.

Zweitens ist vor diesem Hintergrund die Frage, ob Übersetzungen auch dann noch korrekt sein können, wenn die Strukturen des Ausgangstextes kaum mehr zu erkennen sind, eindeutig zu bejahen. Umgekehrt müsste die Frage, ob Übersetzungen noch korrekt sein können, wenn die ursprünglichen Strukturen noch deutlich zu erkennen sind, eigentlich verneint werden.
 

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Faktor Kunde
(Die andere Seite)

Selbstverständlich machen abweichende Strukturen, wie sie nach der oben genannten Logik eigentlich zu fordern sind, noch keine gute Übersetzung. Vielmehr können sich zwei Übersetzungen desselben Originaltexts, die von diesem gleich weit abweichen, radikal in ihrer Qualität unterscheiden. Denn es macht einen großen Unterschied, ob eine »freie« Übersetzung die Mittel der Zielsprache ausschöpft, um auf diesem Weg diszipliniert und kenntnisreich die Absichten des Autors möglichst gut zu verdeutlichen, oder ob sie über weite Strecken eine Ausgeburt der übersetzerischen Fantasie darstellt.

Spätestens mit dieser Unterscheidung sind viele Kunden bei der groben Beurteilung von Übersetzungen überfordert. Wichtig ist, dass man niemals die Breite an möglichen Zwischenformen von absoluter Wörtlichkeit bis absoluter Sinngemäßheit unterschätzen sollte. Und die Erfahrung zeigt, dass verschiedene Kunden entlang dieser Skala genauso divergierende und breit gestreute Vorstellungen haben, wie sie von unterschiedlichen Anbietern praktiziert werden.

Übersetzungen aus dem Englischen oder ins Englische sind insofern ein Sonderfall, als die meisten deutschsprachigen Auftraggeber die gelieferten Produkte in irgendeiner Form mit dem Original vergleichen. Nun variiert das praktische Urteilsvermögen für solche Ad-hoc-Kritiken natürlich stark. Dennoch bleibt der Übersetzer schon von der Tatsache ihrer Existenz nicht unberührt. Vielmehr entstehen Anpassungsprozesse, die mit ein Grund dafür sein können, dass nicht alle Produkte das Abstraktionsvermögen und die Formulierungskunst des Anbieters im vollen Umfang zeigen. Anders gesagt: Ob ein Übersetzer gut abstrahieren und formulieren kann, ist zu trennen von der Frage, ob er dies auch tut.

Es liegt auf der Hand, dass alle diese Verwicklungen für potenzielle Kunden nicht leicht einzuschätzen sind. Wie bereits angesprochen, ist unsere Sprachenkombination mit Englisch insofern ein Sonderfall, als Auftraggeber von Übersetzungen ins Japanische gar nicht erst in die Verlegenheit geraten würden, diese Produkte in Eigenregie beurteilen zu wollen. Wir geben zu bedenken, dass auch Kunden von Übersetzungen zwischen Deutsch und Englisch nicht ohne ein gewisses Vertrauen in die Fähigkeiten des Anbieters und gesundes Misstrauen in das eigene Urteilsvermögen auskommen.
 

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(Die gemäßigte Lehre)

Wir haben gerade argumentiert, warum auch gute Übersetzer je nach Kundenstruktur vielfach nicht nur abstrahierte Inhalte, sondern im größeren oder kleineren Stil auch bestehende Strukturen in ihre Arbeit aufnehmen. Hinzu kommt, dass identische Konstruktionen bei unklaren Aussagen im Originaltext bis zu einem gewissen Grad sogar einen legitimen Notbehelf darstellen können.

Ob sich zu diesen pragmatischen Überlegungen noch andere Gründe wie Unvermögen, Unwissenheit oder Oberflächlichkeit gesellen, ist im Einzelfall gar nicht mehr so leicht nachvollziehbar. Denn die Forderung nach abweichenden Strukturen ist ja umgekehrt nicht so zu verstehen, dass jede Anlehnung an jede Struktur falsch sein muss. Oft sind Strukturen der Ausgangssprache im System der Zielsprache nicht optimal, aber immerhin möglich. Die relative Nähe der sprachhistorischen Verwandtschaft zwischen zwei Sprachen kann hier ebenso eine Rolle spielen wie aufgeweichte Grenzen durch jahrhundertelange Traditionen des gegenseitigen Übersetzens.

Der Punkt ist aber, dass identische Konstruktionen nicht von vornherein und routinemäßig die erste Wahl darstellen können. Diese grundsätzliche Herangehensweise führt nämlich in Summe unweigerlich zu Verzerrungen. Auch hier sollte man niemals die Breite an möglichen Zwischenformen von absoluter Wörtlichkeit bis absoluter Sinngemäßheit unterschätzen. Verzerrungen sind also auf den unterschiedlichsten Ebenen möglich. Der elementarste Fall besteht darin, dass sich die Gewichtung von Originalaussagen durch unreflektiert übernommene Strukturen so stark verändert, dass die Übersetzung dadurch objektiv falsch wird.

Aber auch auf fortgeschritteneren Ebenen gehören Verzerrungen immer noch zum Landschaftsbild. Zu viele Entscheidungen, die aus Sicht der Zielsprache nicht annährend optimal sind, wirken in Summe auch dann noch verzerrend, wenn sich dieser Effekt nicht mehr in den Kategorien Richtig oder Falsch messen lässt, sondern »nur« noch in Form einer greifbaren »Unnatürlichkeit«. Solche Produkte mögen nicht messbar falsch sein. Sie verdeutlichen aber nicht die Absichten des Autors, so gut dies der Originaltext eben zulässt, sondern verfehlen diesen eigentlichen Zweck von Übersetzungen immer noch auf einer sehr fundamentalen Ebene.
 

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Erzählerische Kontinuität

Auch die sprachliche Umsetzung von Einzelaussagen muss wieder in einen größeren Rahmen gesetzt werden. Erzählerische Kontinuität spielt für die Textgestaltung eine ähnliche Rolle wie die Aufnahme des roten Fadens (den Einzelautoren oder federführende Autoren in ihren Texten zwangsläufig hinterlassen) für das Textverständnis. Wieder könnte man sagen, dass die sprachliche Umsetzung von Einzelaussagen gute Voraussetzungen für erzählerische Kontinuität schafft, aber keineswegs mit ihr identisch ist.

Jede Ausdrucksform besitzt Spannungsbögen, jede Darstellung von Handlungsabläufen dramaturgische Strukturen. Dies gilt auch für wissenschaftliche Prosa. Eine Übersetzung soll also nicht nur den richtigen Ton treffen, sondern die Töne sollen sich auch zu einer stimmigen Melodie fügen. Hierin liegt die größte Herausforderung des Schreibens, der wichtigste Grund für suboptimal empfundene Texte und, wenn man so will, das »elitärste« Merkmal von wirklich guten Übersetzern.
 

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Kernkompetenz – relativierende Schlussbemerkungen

Genauso wie Sprachkompetenz und Fachwissen sind auch alle anderen Fähigkeiten bei verschiedenen Übersetzern durchaus unterschiedlich ausgeprägt. Gutes Interpretationsvermögen bei Einzelaussagen ist nicht genau dasselbe wie die Fähigkeit zur Aufnahme eines psychologischen Fadens. Die beiden Fähigkeiten sind zwar eng verwandt – nicht aber eng genug, dass Stärken hier Schwächen da ausschließen würden.

Und beide Fähigkeiten sind nur sehr weitläufig verwandt mit der Fähigkeit, richtig Erfasstes in einer anderen Sprache überzeugend abbilden zu können. Umgekehrt bedeuten überzeugende Formulierungen noch lange nicht, dass sie den ursprünglichen Gedanken korrekt transportieren, auch wenn dieser Trugschluss verlockend ist. Überzeugende Formulierungen bedeuten auch nicht zwingend, dass der gesamte Text durch erzählerische Kontinuität glänzen muss, wobei auch hier wieder der Umkehrschluss möglich ist.

Alle hier angesprochenen Fähigkeiten liegen ihrem Wesen nach viel weiter auseinander, als man gern glauben möchte. Über Qualität entscheiden nicht einzelne Fähigkeiten, sondern die Mischung macht es aus. Ganz bestimmt ist für das Textverständnis ein gutes Interpretationsvermögen von überragender Bedeutung. Die erzählerische Kontinuität von Texten wiederum ist ein Aspekt, der gern verdrängt wird, weil Defizite in diesem Bereich nicht gerade selten sind.
 

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Relevanz für wissenschaftliche Publikationstexte

Viele der eben besprochenen Kernkompetenzen eines guten Übersetzers sind auch den Verfassern von transparenten, gut lesbaren wissenschaftlichen Arbeiten nicht wesensfremd. In beiden Fällen sprengen die Anforderungen deutlich die in vielen Augen verengten Vorstellungen von sprachlich-terminologischer Kompetenz.

Wer etwa meint, dass zum Übersetzen wissenschaftlicher Texte kein Interpretationsvermögen erforderlich ist, der psychologische Faden des Autors keine Rolle spielt oder erzählerische Qualitäten zur kohärenten Vermittlung der Zusammenhänge unwichtig seien, versteht nichts von solchen Texten.

Den wichtigen Gesichtspunkt der erzählerischen Kontinuität haben wir bereits deutlich herausgestrichen. Er ist schwer greifbar und kann dennoch ungeheuer vielsagend sein. Gewiss sind erzählerische Qualitäten nicht für alle Textsorten gleich wichtig. Manchmal lassen sich Defizite auf diesem Gebiet durch fachsprachliches Wissen erfolgreich kompensieren.

Nun könnte man meinen, auch wissenschaftliche Aufsätze würden genau in diese Kategorie fallen. Dieser Verdacht könnte sich aufdrängen, weil der gesamte Publikationstyp bei oberflächlicher Betrachtung einen schablonenhaften Eindruck hinterlässt. Dieser kann sich in der Auseinandersetzung mit sehr eingeschränkten Themen sogar noch verstärken.

Dennoch ist der Eindruck oberflächlich. Bei breiterer Exposition rückt nämlich zusehends wieder das Wesen der Wissenschaft ins Blickfeld, und dieses besteht immer noch im Gewinnen neuer Erkenntnisse. Genau in diesem Punkt profitieren wissenschaftliche Texte (und somit auch Übersetzungen und Redaktionsarbeiten) enorm von erzählerischen Qualitäten. Denn es liegt geradezu in der Natur von neuen Erkenntnissen, dass sie erst erschrieben und in einen überschaubaren Handlungsablauf gefasst werden müssen.

 

 

 

 

 

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