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1  Preisberechnung von Übersetzungen

 

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Verrechnung nach Textvolumen

Während jeder Käufer eines Produkts naturgemäß an einem guten Preisleistungsverhältnis interessiert ist, versteht nicht jeder Kunde auf Anhieb, welche Kriterien in die für Übersetzungen verrechneten Preise einfließen. Andere Berufsgruppen müssen ihre Arbeit nach dem geleisteten Zeitaufwand verrechnen, weil keine materielle Basis zur Verrechnung ihrer Leistung existiert. Solche Situationen können sporadisch auch bei uns Übersetzern auftreten. Im Normalfall jedoch haben unsere Tarife sehr wohl eine materielle Grundlage. Eine Verrechnung nach Textvolumen ist daher nur logisch.

Dennoch ist die Diskussion schon auf dieser Ebene nicht frei von Verwirrung. Immerhin sollen Übersetzer nicht wörtlich umgesetzte, sondern sinngemäße Produkte liefern. Nur verfügen wir leider über keinen Zählmodus zur Verrechnung nach Sinneinheiten. So gesehen ist die Verrechnung nach Textvolumen eher als zweitbeste Lösung zu verstehen. Wir ziehen uns also auf das materielle Gerüst unserer Arbeit zurück. Denn auf dieser Ebene der Betrachtung übersetzen wir sehr wohl definierte Einheiten wie Seiten, Absätze, Zeilen, Sätze, Wörter, Anschläge oder Zeichen.

Nun sind wir häufig mit Anrufern konfrontiert, die relativ vage Angaben zum Textvolumen machen und auf dieser Basis eine gute Annäherung an den Endpreis erwarten. Leider können solche Schätzungen grob danebengehen, da die einfließenden Variablen breit gestreut sind. Das genaue Textvolumen pro Seite ist weitgehend eine Frage des individuellen Umgangs mit Absätzen, Seitenrändern, Zeilenabständen, Schriftarten und Schriftgrößen.
 

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Anachronismus Normzeile

Die Normzeile kann im deutschsprachigen Raum als etablierte Bemessungsgrundlage für Fachübersetzungen gelten. Meist sind damit 55 Anschläge gemeint. Die Zahl der Anschläge ist aber keineswegs »genormt«, wie der Ausdruck fälschlich suggeriert. In der Realität reicht die Bandbreite von 50 bis 60 (und in Extremfällen gar 65) Anschlägen. Die Methode an sich stammt noch aus dem Zeitalter der Schreibmaschine, wobei nicht Kugelkopfmaschinen modernerer Bauart gemeint sind, sondern die älteren mechanischen Modelle mit feststehender Schriftgröße.

Diese Schrift wurde durch Einstellen mechanischer Schieberegler auf definierte Zeilenlängen kalibriert. Den linken Rand stellte man auf Position 10, den rechten auf Position 75. Vor Erreichen des rechten Randes ertönte als Vorwarnung auf Position 67 ein Klingelton. Für den Notfall war noch eine Randlösemechanik vorhanden, die ein Weiterschreiben bis Position 80 ermöglichte. Die Länge der einzelnen Zeilen bewegte sich somit im Bereich von 57 (Klingelton), 65 (Feststeller) oder 70 (maximale Schreiblänge) Anschlägen. Der Durchschnitt betrug 60 Anschläge pro Zeile.

Diese Zeilendefinition wird für literarische Übersetzungen vereinzelt immer noch angewendet. Für Fachübersetzungen sind hingegen 50 bis 55 Anschläge gängig. Diese Methode unterschied sich insofern von den Vorgaben für Briefbögen (DIN 676), als Fachübersetzer mit einem rechten Rand für Korrekturen und Anmerkungen arbeiteten. Hierzu verkürzte man die Einstellung für den rechten Rand, und analog dazu auch die Positionen für Klingelton und Randlöser, von 75 auf 65. Der Zeilenschnitt in diesem Format betrug 55 Anschläge.

Fazit: Wir berechnen unsere Preise im 21. Jahrhundert weiterhin nach der Logik von mechanischen Schiebereglern aus der Steinzeit der Textverarbeitung. Nicht minder anachronistisch ist die Praxis der Verrechnung nach dem End- statt Ausgangsprodukt. Die Gründe hierfür liegen ebenfalls in der Logik der Schreibmaschine. Denn natürlich war damals ein Durchzählen der quasi normierten Zeilen aus der Maschine für den Übersetzer bequemer und für den Kunden besser nachvollziehbar. Immerhin konnten die Ausgangstexte beliebig formatiert sein und waren folglich viel aufwendiger von Hand zu quantifizieren. Also wurde nach grober Schätzung des Ausgangstextes ein Kostenvoranschlag unterbreitet, verrechnet wurde aber nach dem Endprodukt. Dieses Verfahren war anno dazumal für den Kunden ebenso logisch wie für den Übersetzer.
 

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Qualität als Selbstkasteiung

Diese Praxis hat sich bis heute gehalten. Heute wie früher kann also der Endpreis vom veranschlagten Preis um bis zu 15 Prozent oder mehr abweichen. Nun sind aber schlecht durchdachte Texte (überhaupt im Deutschen) tendenziell länger als gut durchdachte Texte, was zu der paradoxen Situation führt, dass mit schlechterer Qualität höhere Preise erzielt werden. Umgekehrt schneidet sich der Übersetzer mit jeder verkürzenden Denkarbeit ins eigene Fleisch.

Auch bei den heutigen Kunden stößt die traditionelle Verrechnung nach dem Endprodukt zusehends auf Unverständnis. Die meisten Textvolumina sind nämlich schon bei der Auftragsvergabe bekannt. Wir entnehmen sie den Dokumentstatistiken der jeweiligen Software oder besitzen andere Programme, die selbst noch den Zeitaufwand zum Quantifizieren größerer Textmengen in diversen Dateiformaten auf ein akzeptables Maß schrumpfen lassen. Als logische Konsequenz müssen viele Übersetzer de facto bereits Festpreise anbieten.

Dennoch wird aber an der grundsätzlichen Verrechnungslogik nach dem Endprodukt weiterhin festgehalten. Schuld daran ist der unbestreitbare Erfahrungswert, dass Texte gleichen Inhalts je nach Sprache unterschiedlich lang ausfallen. Beispielsweise sind deutsche Übersetzungen aus dem Englischen in aller Regel länger als der Originaltext.

Somit befinden wir uns in einer paradoxen Übergangssituation. Meist wird nämlich das bekannte Volumen des Ausgangstextes als Basis herangezogen und ein Faktor eingepreist, um den das deutsche Textvolumen gegenüber dem englischen anwachsen wird. Dieser Faktor wiederum kann je nach individuellen Arbeitsgewohnheiten, aber auch zwischen verschiedenen Arten von Texten, variieren.

Selbst Festpreisangebote dieser Art können immer noch den Effekt haben, dass mit qualitätsmindernder Redundanz höhere Preise erzielt werden. Dies deshalb, weil beim Vergleich verschiedener Anbieter kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Gesamtpreis und Zeilentarif besteht, wenn letzterer auf dem Zieltext beruht.

Nun orientieren sich ohnehin viele Kunden ausschließlich am Gesamtpreis. Allerdings sollte, wer viele Übersetzungen zu vergeben hat, besser auch die Grundlagen der Preisberechnung und die Bandbreite der eingepreisten Faktoren verstehen. Andernfalls läuft er immer noch Gefahr, trotz identischer Zeilentarife mehr Geld für schlechtere Qualität zu bezahlen.
 

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Relativierende Bemerkungen

Alles in allem ist die Normzeile (in belletristischen Verlagen auch Normseite) ein ziemlich willkürliches Konstrukt, das früher einmal gute Gründe hatte, aber mit der flächendeckenden Verbreitung von maschinenlesbaren Texten ihre Daseinsberechtigung in weiten Bereichen verloren hat. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn potenzielle Kunden unsere Preise schwer nachvollziehbar finden.

Trotzdem können einzelne Anbieter aus dem etablierten System nicht einfach ausbrechen. Vielmehr würden sie Preisvergleiche damit überhaupt unmöglich machen. Im Extremfall würde dadurch der latente Vorwurf eines gewissen Obskurantismus eher noch geschürt statt ausgeräumt. Und ein Verdacht dieser Art wäre schon deshalb unberechtigt, weil viele Übersetzer die Entstehungsgeschichte der konventionellen Berechnungsweise selbst nicht mehr verstehen.

Hinzu kommt, dass die traditionelle Verrechnungsmethode nach dem Endprodukt durchaus noch heute ihre Berechtigung haben kann, wenn Originaltexte zur Übersetzung nicht in Dateiform vorliegen (etwa Faxvorlagen) oder unübersichtlich sind (wie manche Internetseiten oder CD-Inhalte). Allerdings bilden diese Fälle heute eher die Ausnahme als die Regel.
 

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Denkbare Alternativen

De facto ist seit jeher der Anschlag die echte Verrechnungseinheit. Dieser Begriff mag ebenfalls antiquiert klingen, hat aber insofern seine Berechtigung, als er im Gegensatz zum Begriff der Zeichen keinen Interpretationsspielraum offen lässt, was das Mitzählen der Leerzeichen betrifft. Denn nach der geschilderten Logik der Schreibmaschine umfassen Anschläge nicht nur die sichtbaren Druckzeichen, sondern auch alle Leerzeichen und Absatzmarken. Diese Logik hat nichts von ihrer Berechtigung verloren, zumal Tastenkombinationen oder Tippredundanzen keine legitime Größe für das Quantifizieren von Texten sind.

Für deutsche wie auch englische Texte gilt somit die Faustregel, dass man die Anzahl der Wörter zu den Druckzeichen (also den Zeichen ohne Leerzeichen) addiert. Dies deshalb, weil jedes Wort entweder mit einem Leerzeichen oder mit einer Absatzmarke vergesellschaftet ist. Die wenigen Ausnahmen von dieser Regel (etwa Komposita mit Bindestrichen) fallen nicht nennenswert ins Gewicht. Diese Summe (Druckzeichen + Wörter) entspricht weitgehend den »Buchstaben« in der Dokumentstatistik von Microsoft Word – mit dem kleinen Unterschied, dass Word die Absatzmarken nicht mitzählt.

Die im angelsächsischen Raum gängige Abrechnungsmethode nach Wörtern des Ausgangstextes wäre im Deutschen grundsätzlich denkbar. Allerdings wehren sich Übersetzer aus dem Deutschen in andere Sprachen aus verständlichen Gründen gegen diesen Modus. Dieser würde sich nämlich, wegen der größere Länge und somit pro Texteinheit geringere Zahl der Wörter im Deutschen, nur schwer aufkommensneutral durchsetzen lassen. Außerdem könnte ein Verrechnungsmodus nach Wörtern schon an relativ gängigen Sprachen wie Italienisch oder Französisch scheitern, die zur Quasiverschmelzung von Wörtern und Partikeln neigen, sodass der Wortbegriff dort schlecht definiert ist.

Früher einmal war die Umrechnung von Anschlägen auf Zeilen eine ganz logische Vorgehensweise, weil sich maschinengeschriebene Texte kaum zum Durchzählen einzelner Anschläge anboten. Wir selbst gehen zunehmend dazu über, unsere Texte wenigstens nach Normzeilen des Ausgangstextes zu verrechnen. Dies hat den Vorteil, dass der Endpreis sofort und für jedermann verständlich nach dem ursprünglichen Textvolumen berechnet wird.

Gleichzeitig betrachten wir dies immer noch als Übergangslösung. Wenn für Übersetzungen zwischen europäischen Sprachen eine einheitliche Verrechnungsmethode angestrebt wird, so bietet sich die Zahl der Anschläge, berechnet nach Ausgangstexten, am ehesten an. Noch besser wäre eine Einheit, die zur Zahl der Anschläge in einer einfachen Dezimalbeziehung steht. Denn auch der anachronistische Zeilenbegriff bezieht seine Rechtfertigung allenfalls noch aus seiner direkteren Kopfrechenbeziehung zu gängigen Währungseinheiten.

 

 

 

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